Betrachtungen meiner Arbeit
oder
Interview mit mir selbst

Foto von Karsten SchulzHäufig finden sich in Selbstbeschreibungen von Künstlern Formulierungen wie: “Seit meiner Kindheit habe ich schon dies und das und jenes gemacht.” Es ist irgendwie beruhigend, sich auf etwas so weit Zurückliegendes berufen zu können. Und es vermittelt den Eindruck von Konstanz.
Das ist bei mir irgendwie anders. Ich bin gelernter Tischler, kann aber nicht behaupten, ich hätte als Kind schon eine Affinität zum Holz gehabt. Ich könnte heute genausogut Bäcker oder Schneider oder Pilot sein und würde mit den mir dort zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen mir selbst gerecht zu werden. Nur stellt sich die Frage, wie man sich selbst gerecht wird. Ich weiß es nicht. Ich habe nur eine Ahnung. Und dieser Ahnung stöbere ich hinterher. Ich bin immer auf der Suche. So auch mit dem Holz.
Prägend für meine Arbeit ist also die Suche. Nur:

Was suche ich?

Die ehrlichste Antwort wäre auch hier: Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht genau. Aber ich bin mir auf der Spur. Viele Formen sind schon durch meine Hände entstanden. Wenn ich zurückblicke, was ich in allen diesen Dingen gesucht habe, dann wird es mir deutlicher. Denn ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht im Betrachten des jeweiligen Zustandes der Arbeit und der Frage danach, ob es so stimmt, ob noch was fehlt oder ob was zu viel ist. Ich suche also nach Stimmigkeit in der Form. Stimmigkeit? was soll das sein? – Es ist die Balance, die Ausgewogenheit zwischen dick und dünn, leicht und schwer, makellos und zerfressen, hell und dunkel … und so weiter. Im Prinzip die Ausgleichung der Kontraste. Das eine Mal finde ich, was ich suche, das andere Mal nicht. C´est la vie.

Mit welchen Mitteln versuche ich das zu erreichen?

Der erste Teil der Arbeit findet auf der Drechselbank statt. Es entsteht eine Grundform, die mit unterschiedlichsten Mitteln verändert wird. Häufig fräse und schnitze ich dann an den Objekten herum, färbe, brenne, bürste sie, bis sie entweder Brennholz sind oder aber tatsächlich Ausgewogenheit entsteht. Sie beginnen dann zu leben und Persönlichkeit zu entwickeln. Aus den Objekten werden Subjekte. Es kommt aber auch vor, dass keine weitere Verfremdung nach dem Drehen erforderlich ist um die Form zum Leben zu erwecken. In diesem Fall reicht es zu schleifen und zu ölen und: fertig.

Warum das alles?

Schwere Frage. Weil es schön ist und Spass macht, reicht als Antwort noch lange nicht aus. Ich kann es nicht beschreiben. Es hat irgendwie was von Schicksal. Naja, … nächste Frage!

Was mache ich zur Zeit?

Na Krisensitzung! Wie immer!
Nein, ich versuche herauszufinden inwieweit destruktive Elemente zu Schönheit dazugehören. Und ich bin in höchstem Maße überrascht, denn es stellt sich für mich heraus, dass Makellosigkeit in keinster Weise Grundvoraussetzung für Schönheit ist. Eher im Gegenteil. Wahre Schönheit entsteht erst durch Fehler, durch Macken und Unvollständigkeit. Das ist wie bei uns Menschen. Erst die Eigenartigkeiten machen uns liebenswert. Das ist meine derzeitige Suche: eigenartige Schönheit.